Nach über einem Jahr der Reviews kommen diese Tage schließlich die neuen ITIL-Bücher heraus. Von manchen lange erwartet, streut dieser Refresh aber auch Unsicherheit: Muss man seine Zertifizierung jetzt erneuern? Ist das bisher gelernte noch gültig? Müssen Prozesse angepasst werden?

Solche Fragen kommen auf, weil zu viele Schulungsunternehmen ITIL pauken lassen, und Wissen aufbauen, das durch Multitple-Choice-Tests abgefragt und anschließend zertifiziert wird. Die Fortbildungsbranche, die sich rund um ITIL gut etabliert hat, vermittelt ihren Schülern wie ITIL gemacht wird, was richtig und was falsch ist. Das Ziel: die richtigen Kreuze beim Test zu machen. Der gesunde Menschenverstand (GMV) wird dazu nicht benötigt; es ist für das kurzfristige Lernziel sogar hinderlich, wenn stets alles hinterfragt wird. So wird aber auch suggeriert, dass ITIL ein Manifest ist, ein Standard.

Die ITIL-Herausgeber bringt dies in die Bedrängnis, erklären zu müssen, warum eine Aktualisierung nötig ist: Es wird betont, dass ITIL kein Standard sei, sondern „Best Practices“. Best Practices entstehen, wie der Name vermuten lässt, in der Praxis. Sie entstehen, weil jemand – mit GMV – seine IT-Organisation und –Prozesse weiterentwickelt hat. Und weil jemand sich nicht an einen „Standard“ geklammert hat, sondern kreative Freiheit besaß. Durch Organisationen, die kontinuierlich ihren Reifegrad verbessern, reifen auch die Best Practices. Und der ITIL Refresh zieht nun nach, um nicht mehr die Best Practices von 99, sondern von 2005 zu reflektieren. Es ist leider die bittere Wahrheit, dass IT-Organisationen, die sich strikt an ITIL – oder schlimmer noch: an ITIL-Kursunterlagen – halten, den Best Practices um einige Jahre hinterher hinken (siehe Bild).

Reifegradeentwicklung von ITIL
Reifegradeentwicklung von ITIL

Ich freue mich schon auf die neuen ITIL-Bücher, die Primärliteratur. Ich werde sie lesen, das Gelesene mit meinen Erfahrungen vergleichen, kritisch überdenken und meinen GMV weiterentwickeln. So angewendet halte ich ITIL sehr wertvoll.

Auf den Kreuzchentest verzichte ich nach wie vor. Aber all denjenigen, die stolze Besitzer eines Zertifikats sind, sei versichert: Zahlreiche Schulungsanbieter bestätigen, dass die Zertifikate  ihre Gültigkeit behalten.